Audismus

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02 Mär 2010 17:08 #20026 von Maike
Maike erstellte das Thema Audismus
Achtung für alle Leute, die hier Pro und Contra für ein CI suchen - dieses Thema passt nicht so ganz. Hab aber auch nicht gewusst, wohin ich das Thema "Audismus" sonst platzieren sollte.

Hallo in die Runde,

auf Grund einer anderen Diskussion (Fernsehbeitrag von Dr. Roland Zeh) ist von mir das Thema "Audismus" eingeworfen worden.

Zugegebenermaßen habe ich dabei Bauchweh

Begründung: Wenn Ihr Euch schon mal nur die Wikipedia-Definition anschaut, dann könnt Ihr evtl. verstehen, warum mir dabei "kotzübel" wird - und das ist nur die eine sehr oberflächliche Betrachtung von Audismus, die dem eigentlichen Inhalt nicht wirklich nahe kommt - im Gegenteil nur den Graben zwischen Hörenden und Gehörlosen vergrößert und sehr destruktiv daher kommt...

Am ehesten nahe kommt (auf die schnelle Suche meinerseits) noch folgender Beitrag von Ege Karar und Kilian Knörzer:

uwezelle.de/?p=148

Ege und Kilian gebärden zwar, aber es wird alles untertitelt (Grammatikfehler inklusive!) Guckt Euch da besonders die Beiträge ab 4:33 und ganz besonders von 5:39 - 6:08 und wiederum von 6:30 - 6:49 an. Auch Hörgeschädigte sind nicht davon ausgenommen, "Audismus" zu leben, wenn sie in ihren eigenen Grenzen steckenbleiben und sich nicht aufmachen, selbständig Wege zu überlegen, wie sie sich mit ihren Lebensmöglichkeiten verwirklichen können.

(Es gibt noch andere Homepages, die diesen Beitrag von Ege und Kilian bringen, unter anderem www.sign-dialog.de etc. )

Ein Beispiel: Wenn einer meiner Schüler sagt: "Ich bin taub - ich kann das nicht!" dann antworte ich mittlerweile nur noch mit dem Gebärdenzeichen für Audismus - und er weiß dann Bescheid, dass er nur aus Bequemlichkeit seine Grenzen nicht überwinden will und ich das nicht gelten lassen kann und will.

Ich werde mich noch nach besseren Definitionen umsehen und bei Interesse hier reinstellen.

Grüßle
Maike

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02 Mär 2010 18:01 #20034 von Helga
Helga antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Hallo Maike, habe im Moment die Zeit nicht zum Lesen, finde es aber sehr spannend, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen.
Da kennen ich ja wohl eine ganze <menge Leute, die audistisch sind (schreibt man das so?)

Bis später grüßt

Helga

Schneidern ist meine Leidenschaft :-)

Bilaterale CI-Trägerin von Freedom

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02 Mär 2010 18:09 #20036 von andrea
andrea antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Hallo Maike,

das Wort Audismus ist bei mir sehr negativ belastet, und Harmut Teuber (oder so ähnlich) benutzt es immer im rassistischen Sinne.

Nun ja, allerdings ist es schon so, dass die Behinderung es bequem macht, zunächst mal zu behaupten man könne dies und das nicht. Ich habe da schon haarsträubende Dinge beobachtet.

Ich denke aber, es ist wie immer ein Balance nötig. Warum soll ich einige Dinge tun, die ich zwar kann, die mir aber viel mehr Energie abverlangen als wenn jemand anders das macht. Ein Beispiel: Es gibt noch immer haufenweise Ärzte, die weder auf Fax noch Mails reagieren. Hinfahren nimmt Zeit in Anspruch, über einen Dolmetscher telefonieren ist auch aufwändig. Der Partner hingegen kann das beim Frühstück zwischen einem Schluck Kaffee und einem Bissen vom Brötchen erledigen. Ich glaube man sollte beide Extreme einfach meiden. Das eine führt in die totale Abhängigkeit, das Andere ist eine energiefressende Verbissenheit. Man muss mit seinen Kräften und Ressourcen auch haushalten.

Jugendliche sollte man natürlich gleich anspornen selbst Verantwortung für sich selbst zu übernehmen! Da hast Du auf jeden Fall recht!

Gruß
andrea

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02 Mär 2010 18:12 #20037 von Maike
Maike antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Helga schrieb:

Hallo Maike, habe im Moment die Zeit nicht zum Lesen, finde es aber sehr spannend, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen.
Da kennen ich ja wohl eine ganze <menge Leute, die audistisch sind (schreibt man das so?)

Bis später grüßt

Helga



Liebe Helga,

ohja, man könnte schon einige Leute "audistisch" nennen - egal ob sie hörend oder hörgeschädigt sind...

Insgesamt eine wirklich spannende Sache. Bloß hab ich immer noch Mega-Bauchweh bei dem Gedanken, das hier reingesetzt zu haben. Denn man kann es extremistisch auslegen - oder eben auch "vernünftig".

Mein Wunsch wäre, dass auch nicht gebärdensprachlich orientierte Leute sich mitbeteiligen an der Diskussion "Audismus" und evtl. sogar diesen Begriff inhaltlich mit gestalten.

Anlass haben ja alle Gruppen von Hörgeschädigte mehr als genug. Schon im Fernsehbeitrag von Dr. Roland Zeh sehen wir es: Nur weil er taub war, wurde er zunächst nicht zur Prüfung zugelassen. Das geht weiter bis zum Umgang unter KollegInnen (auch ich kenne das!!!), aber auch Hörgeschädigte selber, die sich selbst Grenzen setzen, weil sie es so und nicht anders gelernt haben und eigentlich weiter kommen könnten, wenn sie sich mal "aufmachen" würden und ihre eigenen Begrenztheiten in ihren Vorstellungen, was machbar ist und was nicht, überwinden würden - auf realistische Weise natürlich nur...

Grüßle
Maike

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02 Mär 2010 18:14 #20039 von DrPhot
DrPhot antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Helmut Vogel, Historiker und Erziehungswissenschaftler, reist in Sachen "Audismus" resp. "Deafwood" durch die Lande,
und sein Motto lautet :

"Gehörlose können alles - ausser Hören"

Liebe Grüße vom Doc.

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02 Mär 2010 18:19 #20042 von Maike
Maike antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
andrea schrieb:

das Wort Audismus ist bei mir sehr negativ belastet, und Harmut Teuber (oder so ähnlich) benutzt es immer im rassistischen Sinne.


Liebe ANdrea,

GENAU das ist es. Weil Hartmut Teuber (Du hast den Namen richtig geschrieben) immer extremistisch mit diesem Begriff umgegangen ist, habe ich diesen Begriff lange abgelehnt und ihn sogar immer als abschreckendes Beispiel extremistischer Haltung unter den Tauben aufgeführt. Bis ich dann einen Vortrag von Prof. Dr. Christian Rathmann auf den Gehörlosen-Kulturtagen zum Thema "Audismus" gehört bzw. gesehen ;) habe in DGS - da habe ich dann gesehen, dass man dieses Thema sehr viel differenzierter angehen kann und dass selbst taube und schwerhörige Leute ganz gehörig Anteil daran haben können durch ihre Haltung.

Genau wegen diesem Teuber etc. hatte und habe ihc Bauchweh, da der Begriff durch sie leider sehr negativ besetzt worden ist - auch bei mir.

Also es ist eine Diskussion nötig - nicht á la Teuber - sondern der eigentlichen Sache dienlich.

Grüßle
Maike

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02 Mär 2010 18:21 #20043 von Maike
Maike antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
DrPhot schrieb:

Helmut Vogel, Historiker und Erziehungswissenschaftler, reist in Sachen "Audismus" resp. "Deafwood" durch die Lande,


Hihi Doc,

probably you meant the word "deafhood" (not deafwood?)?

Greetings
Maike

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02 Mär 2010 18:48 #20051 von Undomiel
Undomiel antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Hallo Maike,

erstmal gute Besserung, Du hast in dem anderen Thread geschrieben, daß Du krank bist...

Ja, Du hast ja Herrn H.T. aus B./USA bereits erwähnt.....
der tut meiner Meinung nach (in aller vorsichtigen Zurückhaltung gesagt, ich bin ja selbst nicht hörgeschädigt) den Hörgeschädigten keinen Gefallen mit seiner Verwendung des Wortes Audismus. Im Grunde benutzt er das als Totschlagsargument, wann immer ihm gerade etwas nicht in den Kram paßt.

Ich habe bei Audismus immer so als grobe Richtschnur vor Augen: Das ist, wenn das Hörenkönnen als etwas Besseres - nein, sagen wir lieber, etwas Höherwertiges - angesehen wird als das Nichthörenkönnen, bzw. als das Kommunizieren in Gebärdensprache.
Und da gibt es wirklich genug Beispiele, seitens von uns Hörenden, aber wie Du schreibst, auch seitens der Gehörlosen. Vielleicht haben die auch einfach etwas verinnerlicht, was ihnen die hörende Umgebung "anerzogen" hat? (Wenn z.B. Mama sich um alles gekümmert hat, weil das "behinderte Kind" das ja nicht so richtig kann?)

Bin jedenfalls auf eine evtl Diskussion hier gespannt, weil sie ja auch mich als Hörende betreffen kann....und wenn die Debatte dann wirklich sachlich geführt wird, kann ich da vielleicht auch noch was von mitnehmen.

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02 Mär 2010 19:40 - 02 Mär 2010 20:23 #20056 von Constanze
Constanze antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Letzte Änderung: 02 Mär 2010 20:23 von Constanze. Begründung: Auf Wunsch gelöscht

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02 Mär 2010 19:54 #20057 von CharlyBrown
CharlyBrown antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Als der Begriff, bzw das Wort Audismus erstmals
in deutschen Websites der Gehörlosen auftauchte, hatte ich schon "Bauchschmerzen"
wegen der zu grossen Ähnlichkeit mit Autismus.
Missverständnisse sind da vorprogrammiert.
Im deutschen Sprachraum sollte ein anderes Wort
gefunden werden.
Ein spezielles Wort für die manchmal subtilen, grade darum verletzenden Diskriminierungen
gegenüber hörbehinderter Menschen, kann hilfreich sein.
Leider wird immer wieder jede gute Idee von extremistischen Leuten aus USA dazu
missbraucht die Hörbehinderten in Deutschland
zu spalten.

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02 Mär 2010 22:37 - 02 Mär 2010 23:13 #20063 von Gudrun
Gudrun antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Oh, grad so viele interessante Diskussionen im Forum, ich kann gar nicht mehr überall mitlesen.

Ja, CharlyBrown, das macht es auch nicht leicht, den Begriff zu akzeptieren.

Ich muss sagen, dass dieser Begriff mich richtig rasend macht, weil er - wie Maike schon gesagt hat - ganz gern missbraucht wird. An dem Begriff stört mich ebenso, dass damit Menschen, die einfach nur unbedacht audistisch sind, automatisch Böses unterstellt wird. Solche Begrifflichkeiten erleichtern es nicht gerade, die Grabenkämpfe zu überwinden. Es sollte hier zwischen gezieltem und nicht bewusstem Audismus unterschieden werden, wenn überhaupt.

Noch etwas macht mich an dem Begriff rasend, und zwar, dass die Diskriminierung von nicht gebärdenden Gehörlosen praktisch wieder mal nicht thematisiert wird, klar, viele von ihnen diskriminieren selbst DGS-Gehörlose.

Aber welchen Begriff soll ich verwenden, wenn jemand sich über meine schlechten Gebärdenkenntnisse und meine unsauberen Gebärdenzeichen lustig macht? Oder man denke an das tolle Plakat, das bei den Gehörlosenkulturtagen aushing, wo "Fuck you" zum CI zu lesen war.

Oder DGS-begeisterte Menschen, die selbst kein CI tragen oder nie eins getragen haben, maßen es sich an, das CI zu diskreditieren. Da wird von den armen CI-Kindern gesprochen, die angeblich nach den Prinzipien des Oralismus gedrillt werden.

Ich komme vom Thema ab.

Ich finde es durchaus wichtig, Audismus zu thematisieren, das sollte aber auch für die Gegenseite gelten.

Abgesehen davon bin ich der Ansicht, dass alle gleichberechtigt sein sollten, egal ob hörend oder nicht hörend, gebärdend oder nicht gebärdend.

Ich habe erst vor kurzem im Web ein Posting gelesen, bei dem sich mir der Magen richtig umgedreht hat. Ich mag die Quelle her jetzt nicht nennen. Da hat sich ein LS-Gehörloser über einen DGS-Gehörlosen und dessen Begeisterung von der DGS und dessen Zufriedenheit mit seiner Gehörlosigkeit aufgeregt. DAS ist für mich Audismus.

Umgekehrt hat mir aber auch eine hörende Frau, die sich mit der DGS-Gemeinschaft auseinandersetzt, gesagt, dass die DGS-Gehörlosen doch die viel glücklicheren seien und die LS-Hörgeschädigten seien so depressiv und arm dran. Wo ist das Äquivalent zum Begriff "Audismus"? Mir fällt hier nur "ableism" bzw. "Ableismus" ein, übersetzt heißt das, dass Menschen aufgrund ihrer Behinderung diskriminiert werden.

Grrrrr, ich kann mich kaum halten, bei dem Thema still zu bleiben.

gehörlos geboren, mit 2 HG aufgewachsen, jetzt CI rechts seit 09/2007 (erst Freedom, dann Nucleus 5), HG links
Letzte Änderung: 02 Mär 2010 23:13 von Gudrun.

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03 Mär 2010 06:59 #20072 von Undomiel
Undomiel antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Das ist ein sehr gutes Posting, Gudrun.

Ich glaube übrigens, daß da auch eine ganze Menge
auf Unkenntnissen beruht, sowohl wenn Hörende Ge-
hörlose diskriminieren (mir fällt da jetzt nur die
Frage ein: Wie - du kannst Auto fahren?), als auch
wenn von den armen CI-Kindern etc. gesprochen wird.
Könnte mir denken, daß bei den Vertretern des Ge-
hörlosenbundes vielleicht nur die Negativbeispiele
ankommen. Wenn ein hörendes Ehepaar sein Kind im-
plantieren läßt und es kommt gut klar, welche Ver-
anlassung hätten die Eltern, das den Gehörlosenver-
bänden mitzuteilen?

Ich finde es auch sehr bedauerlich, daß den Leuten
da so oft auch Schlechtes unterstellt wird, wo ei-
gentlich keine böse Absicht hintersteckt.
Ich habe mal in einer Predigt gehört: Es gibt in der
Kirche viele verschiedene Standpunkte - progressiv
oder konservativ. Das ist auch gar nicht schlimm.
Schlimm wird es dann, wenn einer anfängt, dem an-
deren den guten Willen abzusprechen.

Ich glaube, das gilt nicht nur für die Kirche, son-
dern ganz allgemein.

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03 Mär 2010 10:35 - 03 Mär 2010 10:56 #20076 von Maike
Maike antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Gudrun schrieb:

Ich finde es durchaus wichtig, Audismus zu thematisieren, das sollte aber auch für die Gegenseite gelten.

Abgesehen davon bin ich der Ansicht, dass alle gleichberechtigt sein sollten, egal ob hörend oder nicht hörend, gebärdend oder nicht gebärdend.

Ich habe erst vor kurzem im Web ein Posting gelesen, bei dem sich mir der Magen richtig umgedreht hat. Ich mag die Quelle her jetzt nicht nennen. Da hat sich ein LS-Gehörloser über einen DGS-Gehörlosen und dessen Begeisterung von der DGS und dessen Zufriedenheit mit seiner Gehörlosigkeit aufgeregt. DAS ist für mich Audismus.

Umgekehrt hat mir aber auch eine hörende Frau, die sich mit der DGS-Gemeinschaft auseinandersetzt, gesagt, dass die DGS-Gehörlosen doch die viel glücklicheren seien und die LS-Hörgeschädigten seien so depressiv und arm dran. Wo ist das Äquivalent zum Begriff "Audismus"? Mir fällt hier nur "ableism" bzw. "Ableismus" ein, übersetzt heißt das, dass Menschen aufgrund ihrer Behinderung diskriminiert werden.


Liebe Gudrun,

danke für Deinen Beitrag. Er ist sehr wichtig. Genau das ist aber auch mein Anliegen: Ohne "Gegenseiten" zu produzieren eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem Thema zu beginnen. Im Moment ist es scheinbar noch nicht möglich, das "sachlich" (wie relativ das auch immer sein mag) anzugehen, zu viele Verletzungen gibt es da noch "auf beiden Seiten" (schade, dass wir alle noch nicht so weit zu sein scheinen...). Ich z.B. bin auhc "von beiden Seiten" massivst verletzt worden...

Was mir sehr gut gefallen würde: Wenn wir es lernen würden, die Verletzungen und Diskriminierungen (!) beim Namen zu nennen - und bei genügend innerem Abstand dann möglichst sachlich neu an dieses Thema ranzugehen.

Wichtig wäre, dass man sich mit dem Begriff im Vorfeld auseinander gesettz hat und irgendwie halbwegs mit den eigenen Verletzungen / erfahrenen Diskriminierungen klarkommt, um möglichst sachlich drangehen zu können. Nur wenn die Tauben / Schwerhörigen in ihrer Bandbreite zu einem gemeinsamen Begriff kommen, dann können - zumindest auf theoretischer Ebene - so manche "Audisten" gezielt hinterfragt werden. Egal, ob das hörende KollegInnen oder Vorgesetzte oder auch Taube / Schwerhörige selber sind.

Grüßle
Maike
Letzte Änderung: 03 Mär 2010 10:56 von Maike.

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03 Mär 2010 21:02 - 03 Mär 2010 21:28 #20101 von Gudrun
Gudrun antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Hallo Maike,

ich finde es in der Tat sehr wichtig, die Diskriminierungen - von beiden Seiten - zu diskutieren.

Dem Begriff "Audismus" nähere ich mich jetzt auch schon ganz langsam, seit ich ein paar wirklich sachliche Definitionen dazu gelesen habe. Ich war früher - meine ich zumindest - viel audistischer als heute und denke heute viel mehr nach, wie ich meine eigene Position vertrete, ohne zugleich die andere Seite anzugreifen.

Ich habe im deutsch- und englischsprachigen WWW nach dem Gegenteil von "Audismus" gesucht, aber leider nicht gefunden. So bleibe ich bei "Ableism", das Diskriminierung aufgrund der Behinderung umfasst.

Audismus ist z.B., wenn LS-orientierte Hörende und Hörgeschädigte sich über die Gebärdensprachdolmetscher lustig machen. Die verstehen ein paar Fragmente anhand des Mundbildes und einzelner Gebärdenzeichen und denken dann, dass die Dolmetscher nur in aneinandergereihten Wörtern mit ein paar Grimassen sprechen, und dann wird die Dolmetschqualität in Frage gestellt - von DGS-inkompetenten Leuten.

Der Knaller war ein LS-Gehörloser mit CI, der auf einer Veranstaltung sich mir gegenüber ereifert hat, dass der DGS-Dolmetscher ja immer noch gebärdet, obwohl der Sprechende den Satz längst beendet hat. Bei so viel Blödheit kann ich mir den Kopf nur an die Wand hauen.

Oder ein anderes ultralustiges Beispiel: Ein LS-Hörender fragt eine LS-Hörende, was die Gebärdensprachdolmetscherin denn da gesagt hat. Die LS-Hörende sagte, überzeugt, die Dolmetscherin richtig verstanden zu haben, wiederholte: "Ich weiß es nicht." Und der LS-Hörende erzählte dann weiter, dass die DGS-Dolmetscherin Probleme beim Dolmetschen hatte. Wohlgemerkt - beide Hörenden hatten keine DGS-Kenntnisse, nicht mal in Grundzügen.

Die andere Seite erlebe ich allerdings auch, beispielsweise unterhielt ich mich mit zwei gehörlosen Frauen, die wohl sehr DGS-kompetent waren, aber sich auch auf einfachem Niveau lautsprachlich verständigen konnten. Als die beiden miteinander gebärdeten und ich nichts mehr verstand, bat ich sie, wenigstens ihre Stimme zu benutzen, ich könne nicht gebärden. Da lächelten beide und sagten mit stolz geschwellter Brust: "Ich kann beides. Gebärden und Sprechen." Ich fand das total überheblich, da ihre Lautsprache - verzeih bitte - wirklich grottenschlecht war, so schlecht, dass ich ihnen nicht erklären konnte, dass ich vielleicht nicht so gut DGS konnte, aber dafür die volle Lautsprachkompetenz hatte und mich daher keineswegs als "unterlegen" betrachtete. Denn ohne Dolmetscher sind sie in Gesprächen mit Hörenden mir unterlegen. Aber mir steht es nicht zu, darauf stolz zu sein. Es ist Schicksal, welche Sprachkompetenzen wir haben, das ist nicht unser Werk, sondern die von unseren Eltern bzw. unserem sozialen Umfeld. Ich finde es arrogant, damit zu protzen, dass man die volle Sprachkompetenz habe.

Ein anderes Erlebnis ist mir auch in unangenehmer Erinnering: Meine Feundin, die wesentlich schlechter als ich hörte und schlechter verständlich als ich sprach, machte mich mit einer Mutter eines gehörlosen Grundschülers bekannt. Ich fing an zu sprechen und dann ergoss sich die Mutter in Lobeshymnen über meine aus ihrer Sicht so gut verständliche Artikulation. Ich fand das ausgesprochen diskriminierend gegenüber meiner Freundin, abgesehen davon ist es - welchen Begriff gibt es für sowas? - fehl am Platze, die Artikulationsfähigkeit eines Menschen zu bewerten, egal ob positiv oder negativ.
Als Kind mag man sich vielleicht am Lob sonnen, aber ich finde, die Artikulation eines Menschen gehört zu den "Dingen", die niemals kommentiert gehören, außer vielleicht in Logopädiestunden und zum Ziel der sprachlichen Verbesserung.

Es gibt viele, viele Beispiele für Ableism/Audismus...

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Letzte Änderung: 03 Mär 2010 21:28 von Gudrun.

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03 Mär 2010 21:37 #20103 von Maike
Maike antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Liebe Gudrun,

danke für Deinen Beitrag! Ich möchte morgen mehr drauf eingehen - jetzt muss ich ins Bett. ;)

Nur soviel: Damit wir uns mit möglichst vielen Menschen verständigen können, sollten wir schon am Wort "Audism" festhalten, damit wir uns - bezogen auf die Tauben / Schwerhörigen an einen Tisch setzen können. Das ist ja mein Ziel: Dass nicht eine Gruppe das Wort für sich beansprucht und inhaltlich besetzt, sondern dass möglichst alle mitwirken daran. Ableism bezieht sich auf Behinderte allgemein - und das Wort "Behindert" ist ja seit der Inklusion- und UN-Menschenrechtskonventionsdiskussion auhc schon wieder ein schwieriges Wort geworden... :dry:

Wäre das ok, wenn wir beim Wort "Audismus" bleiben und uns einmal von unseren negativen Erfahrungen insofern distanzieren, als dass sie zu möglichst sachlichen Tatsachenbeschreibungen unseres Lebens geworden sind, die uns auch mitprägen, die uns auch helfen, nun weiterzugehen und nicht in verbitterten Erfahrungshaltungen (starr...) zu verbleiben?

Bis morgen!
Maike

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03 Mär 2010 21:43 #20105 von Gudrun
Gudrun antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Hallo Maike,

ich finde es vollkommen o.k., in passendem Kontext "Audismus" zu verwenden, aber wenn es um Diskriminierung von LS-Hörgeschädigten geht, welcher Begriff soll hier dann verwendet werden? Da fällt mir nur "Ableism" ein, wobei dieser Begriff nicht wirklich optimal und zu allgemein ist.

Dir eine gute Nacht! :)

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03 Mär 2010 22:48 #20108 von Maike
Maike antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Gudrun schrieb:

Hallo Maike,

ich finde es vollkommen o.k., in passendem Kontext "Audismus" zu verwenden, aber wenn es um Diskriminierung von LS-Hörgeschädigten geht, welcher Begriff soll hier dann verwendet werden? Da fällt mir nur "Ableism" ein, wobei dieser Begriff nicht wirklich optimal und zu allgemein ist.

Dir eine gute Nacht! :)


Hallo Gudrun,

bin immer noch wach... - die Antwort ist ganz einfach: Auch Audismus! ;)

Gute Nacht!
Maike

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04 Mär 2010 06:59 #20111 von Undomiel
Undomiel antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
@Gudrun:
Das ist ein Gedankengang, den ich mir so noch nicht gemacht habe - das
mit dem Kompliment fürs gute Sprechen.
Okay - wenn jemand danebensteht, der´s nicht so kann - aber sonst wäre
mir das wohl auch passiert. Wäre einfach nett gemeint gewesen; wenn ich
einen Ausländer im privaten Bereich kennenlerne und der spricht sehr gut
Deutsch, obwohl er jetzt nicht z.B. schon hier geboren ist, hätte ich
ihm ja vielleicht auch ein Kompliment dafür gemacht.

Aber Du hast schon recht, daß da ein Unterschied besteht; die Deutsch-
kenntnisse des Ausländers sind in Eigenleistung erlernt, während die Ar-
tikulation auch von anderen Faktoren abhängt, die derjenige selbst nicht
beeinflussen kann.

Danke für den Denkanstoß!

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04 Mär 2010 08:26 - 04 Mär 2010 08:30 #20112 von Gudrun
Gudrun antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Hallo Undomiel,

ich glaube, es hängt damit zusammen, dass ein von Geburt an hörgeschädigter Mensch tausendmal erlebt, wie seine Artikulation kommentiert wird. Die Feststellung, ob jemand mich als gut oder schlecht verständlich empfindet, ist immer sehr subjektiv, ich erlebe auch heute alles, von hörenden Menschen, die mich einfach nicht verstehen können, obwohl ich mir größte Mühe gebe und sie selbst Deutsch als Muttersprache sprechen (das sind dann oft Menschen, die sich nicht so recht auf mich einlassen wollen und innerlich irgendwie blockiert sind), und hörenden Menschen, die sagen, sich nicht anstrengen zu müssen, wenn sie mir zuhören. Aber das ist meine eigene Sichtweise, andere mögen es wohl.

Bei Menschen mit anderen Nationalitäten, die Deutsch als Fremdsprache nicht sprechen, ist das für mich was anderes. Ich habe eine sehr nette farbige Nachbarin, die erst seit wenigen Jahren in Deutschland lebt. Sie hat sich einmal für ihr Deutsch entschuldigt und ich sagte, dass es sehr gut sei und ich sie gut verstehen könne - ernst gemeint, ich denke, solche Komplimente werden auch gern gehört. :)

@Maike:

?! Verstehe ich dich richtig, wenn ein DGS-Gehörloser einen LS-Gehörlosen z.B. aufgrund der Gebärden(sprach)kenntnissen diskriminiert, dann bezeichnest du das auch als Audismus? Erscheint mir aber unlogisch, da "Audismus" sich auf Diskriminierung in Zusammenhang mit dem Hören bezieht, "Audismus" leitet sich ja vom lateinischen "audire" ab, was "hören" heißt.

Meine Beispiele mit den Dolmetschern waren vielleicht nicht ganz glücklich gewählt, da hier Dolmetscher diskriminiert werden, aber ich brachte das als Beispiel, weil hier auch zugleich eine Diskriminierung der Gebärdensprache vorliegt und das Hören inkl. der Lautsprache über die Gebärdensprache gestellt wird. Ich fand diese Situationen fremdpeinlich...

Nun muss ich los, ich wünsche euch einen schönen Tag und bin gespannt, ob die Diskussion hier bis zum Abend weitergeht. :)

gehörlos geboren, mit 2 HG aufgewachsen, jetzt CI rechts seit 09/2007 (erst Freedom, dann Nucleus 5), HG links
Letzte Änderung: 04 Mär 2010 08:30 von Gudrun.

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04 Mär 2010 21:21 #20122 von Constanze
Constanze antwortete auf das Thema: Aw: Audismus
Liebe Leute,

ich habe eben eine Mail von Maike erhalten (vom Handy aus geschrieben!!!) - sie ist heute leider aus technischen Gründen offline und kann daher nicht wie versprochen hier im Forum antworten...Ihr müsst Euch also ein wenig gedulden, bis wieder eine Meldung von Maike kommt ;-).

Grüßle Constanze (und auch von Maike)

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